Städte und Gemeinden stehen im Zentrum der Nachhaltigkeitstransformation. Ob Klimaschutz, soziale Teilhabe oder nachhaltige Mobilität – kommunale Entscheidungen wirken unmittelbar auf die Lebensqualität vor Ort. Ein Nachhaltigkeitsbericht macht dieses Engagement sichtbar, schafft Transparenz gegenüber Bürgerinnen und Bürgern und liefert die Datengrundlage für strategische Steuerung. Dieser Leitfaden zeigt, welche Rahmenwerke Kommunen nutzen können, wie der Berichtsprozess in der Praxis abläuft und welche Förderprogramme die Umsetzung unterstützen.
Warum Kommunen Nachhaltigkeitsberichte brauchen
Die Agenda 2030 der Vereinten Nationen formuliert 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs), die ohne kommunales Handeln nicht erreichbar sind. Schätzungen zufolge hängt die Umsetzung von rund 65 Prozent aller SDG-Zielvorgaben direkt von Entscheidungen auf lokaler Ebene ab. Ein Nachhaltigkeitsbericht erfüllt in diesem Zusammenhang mehrere Funktionen:
- Steuerungsinstrument: Der Bericht liefert indikatorengestützte Daten, die politische Entscheidungen auf eine belastbare Grundlage stellen. Statt auf Einzelprojekte zu blicken, entsteht ein Gesamtbild der kommunalen Nachhaltigkeitsleistung.
- Transparenz und Rechenschaft: Bürgerinnen und Bürger, Kommunalpolitik und Aufsichtsbehörden erhalten nachvollziehbare Informationen darüber, wo die Kommune steht und welche Fortschritte erzielt wurden.
- Wachsende externe Erwartungen: Fördermittelgeber, Landesregierungen und interkommunale Netzwerke verlangen zunehmend standardisierte Nachweise über Nachhaltigkeitsaktivitäten.
- Datenbasierte Prioritätensetzung: Ein strukturierter Bericht deckt Handlungslücken auf und ermöglicht es, Ressourcen gezielt dort einzusetzen, wo der größte Hebel liegt.
Der Berichtsrahmen Nachhaltige Kommune (BNK)
Der wichtigste Berichtsstandard für deutsche Kommunen ist der Berichtsrahmen Nachhaltige Kommune (BNK), herausgegeben vom Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE). Seit Oktober 2024 liegt Version 2.0 vor, die den Rahmen deutlich weiterentwickelt hat.
BNK 2.0 im Überblick: 8 Steuerungskriterien, 11 Handlungsfelder, 62 Berichtsaspekte sowie 19 Kernindikatoren und 39 optionale Indikatoren. Der Bericht folgt dem Comply-or-explain-Prinzip – Kommunen berichten zu jedem Aspekt oder erläutern nachvollziehbar, warum ein Aspekt nicht relevant ist.
Die acht Steuerungskriterien betreffen strategische Querschnittsthemen wie Nachhaltigkeitsstrategie, Partizipation, Finanzmanagement und Kooperationen. Die elf Handlungsfelder decken das gesamte Spektrum kommunaler Aufgaben ab – von Klimaschutz und Energie über Bildung und Kultur bis hin zu globalem Engagement und Eine-Welt-Arbeit.
Für Kommunen, die erstmals berichten, bietet der BNK einen strukturierten Einstieg. Der Comply-or-explain-Ansatz sorgt dafür, dass der Bericht flexibel an die jeweilige Ausgangslage angepasst werden kann, ohne den Vergleich mit anderen Kommunen zu verlieren.
Zentrale Themen und Indikatoren
Die im BNK verankerten Handlungsfelder spiegeln die drängendsten kommunalen Herausforderungen wider. Fünf Themen stehen besonders im Fokus:
- Klimaschutz und Energie: CO₂-Emissionen pro Einwohner, Anteil erneuerbarer Energien an der kommunalen Stromversorgung, energetische Sanierungsquote öffentlicher Gebäude.
- Nachhaltige Mobilität: Modal Split, Radwegenetzlänge pro Einwohner, ÖPNV-Erreichbarkeit in ländlichen Gebieten.
- Soziale Gerechtigkeit: Kinderarmut, Zugang zu bezahlbarem Wohnraum, Integrationsangebote und Barrierefreiheit.
- Bildung für nachhaltige Entwicklung: BNE-Angebote in Kitas und Schulen, Kooperationen mit Hochschulen und Bildungsträgern.
- Nachhaltiges Wirtschaften: Nachhaltige Beschaffung, Unterstützung regionaler Wertschöpfungsketten, Gewerbeflächenverbrauch.
Konkrete Indikatorendaten lassen sich über das SDG-Portal der Bertelsmann Stiftung abrufen. Es stellt für alle deutschen Kommunen ab 5.000 Einwohnern SDG-bezogene Kennzahlen bereit und ermöglicht interkommunale Vergleiche.
Kommunale vs. Unternehmensberichterstattung
Obwohl beide Berichtsformen auf Nachhaltigkeitsziele ausgerichtet sind, unterscheiden sie sich grundlegend in Zielsetzung, Rahmenbedingungen und Adressaten:
| Kriterium | Kommunaler Bericht | Unternehmensbericht |
|---|---|---|
| Gesetzliche Pflicht | Freiwillig (bisher keine bundesweite Pflicht) | CSRD-Berichtspflicht ab definierten Schwellenwerten |
| Orientierung | Gemeinwohlorientierung, Daseinsvorsorge | Unternehmenswert, Risikomanagement |
| Standard | BNK (Berichtsrahmen Nachhaltige Kommune) | ESRS (European Sustainability Reporting Standards) |
| Zielgruppe | Bürger, Kommunalpolitik, Fördermittelgeber | Investoren, Kreditgeber, Geschäftspartner |
| Betrachtungsrahmen | „Konzern Kommune“ (Kernverwaltung, Eigenbetriebe, Beteiligungen) | Konsolidierter Konzernabschluss |
Trotz der Unterschiede gibt es Berührungspunkte: Kommunale Unternehmen wie Stadtwerke oder Wohnungsbaugesellschaften können unter die CSRD-Berichtspflicht fallen. Ein abgestimmtes Vorgehen zwischen Kernverwaltung und kommunalen Beteiligungen spart Aufwand und schafft konsistente Datengrundlagen.
Praktische Umsetzung in 8 Schritten
Der Weg zum kommunalen Nachhaltigkeitsbericht umfasst in der Regel acht Phasen und dauert etwa acht Monate. Die folgende Übersicht basiert auf Erfahrungswerten aus Kommunen, die den BNK bereits angewendet haben:
- Politischen Rückhalt sichern: Ratsbeschluss oder Beschluss des Verwaltungsvorstands herbeiführen. Ohne politische Rückendeckung scheitern viele Prozesse an fehlenden Ressourcen.
- Projektkoordination benennen: Eine verantwortliche Person oder Stelle in der Verwaltung festlegen, die den gesamten Prozess steuert – idealerweise mit Querschnittszugang zu allen Fachbereichen.
- Arbeitsgruppe bilden: Vertreterinnen und Vertreter aus relevanten Ämtern (Umwelt, Soziales, Stadtplanung, Finanzen, Bildung) zusammenführen. Externe Expertise kann die AG ergänzen.
- Kick-off-Veranstaltung durchführen: Ziele, Zeitplan und Rollenverteilung mit allen Beteiligten klären. Der BNK-Rahmen wird vorgestellt und auf die lokale Situation angepasst.
- Bestandsaufnahme und Datenerhebung: Vorhandene Daten, Strategien und Programme systematisch erfassen. Datenlücken identifizieren und Erhebungswege festlegen.
- Themenworkshops durchführen: In fachbereichsbezogenen Workshops werden die BNK-Aspekte bearbeitet, Texte entworfen und Indikatoren befüllt.
- Bericht verfassen und abstimmen: Die Ergebnisse werden in einen kohärenten Bericht überführt. Redaktionelle Abstimmung mit der Verwaltungsspitze und ggf. dem Rat.
- Veröffentlichen und kommunizieren: Der fertige Bericht wird veröffentlicht, auf der BNK-Plattform eingereicht und öffentlichkeitswirksam vorgestellt – etwa im Rahmen einer Bürgerveranstaltung oder Pressekonferenz.
Praxistipp: Viele Kommunen kombinieren den Erstbericht mit einer Überarbeitung ihrer Nachhaltigkeitsstrategie. So fließen die Erkenntnisse aus der Bestandsaufnahme direkt in neue Maßnahmenpläne ein.
Professionelle Begleitung
Kommunen müssen den Berichtsprozess nicht allein stemmen. wetando begleitet Städte und Gemeinden bei der Erstellung kommunaler Nachhaltigkeitsberichte – von der Bestandsaufnahme über die Datenerhebung bis zur Veröffentlichung nach dem BNK-Rahmen. Die Beratung kann in vielen Fällen über Förderprogramme des Bundes und der Länder kofinanziert werden.
Tipp: Gerne erstellen wir Ihnen ein unverbindliches Beratungsangebot und prüfen gemeinsam, welche Fördermöglichkeiten für Ihre Kommune in Frage kommen. Jetzt Erstgespräch vereinbaren.
Beispiele aus der Praxis
Der BNK wird bereits in zahlreichen deutschen Städten und Gemeinden angewendet. Schätzungsweise 30 bis 50 Kommunen haben den Rahmen bisher genutzt oder befinden sich im Berichtsprozess. Einige Vorreiterkommunen zeigen, wie vielfältig die Umsetzung aussehen kann:
- Bonn nutzt den BNK im Zusammenspiel mit der eigenen Nachhaltigkeitsstrategie und verknüpft den Bericht eng mit den städtischen SDG-Zielen.
- Düsseldorf und Köln haben den Bericht genutzt, um Querschnittsthemen wie nachhaltige Beschaffung und Klimaanpassung verwaltungsübergreifend zu verankern.
- Dortmund setzt auf breite Beteiligung und bindet Zivilgesellschaft und Wissenschaft systematisch in den Berichtsprozess ein.
- Bremen verbindet die Nachhaltigkeitsberichterstattung mit dem Haushaltsplanungsprozess und schafft so eine direkte Verbindung zwischen Nachhaltigkeitszielen und Mittelzuweisung.
- Augsburg gilt als Pionier der kommunalen Nachhaltigkeitsberichterstattung und hat bereits mehrere Berichtszyklen durchlaufen.
- Kirchheim unter Teck zeigt, dass auch kleinere Kommunen den BNK erfolgreich anwenden können – mit schlankem Prozess und pragmatischer Schwerpunktsetzung.
Diese Beispiele verdeutlichen: Der Einstieg in die kommunale Nachhaltigkeitsberichterstattung ist unabhängig von Gemeindegröße und Ressourcenlage möglich. Entscheidend ist der politische Wille und eine klare Prozessstruktur.
Fazit
Ein kommunaler Nachhaltigkeitsbericht ist weit mehr als eine Bestandsaufnahme. Er ist ein strategisches Steuerungsinstrument, das Transparenz schafft, Prioritäten sichtbar macht und den Dialog mit Bürgerinnen und Bürgern stärkt. Der BNK 2.0 bietet dafür einen praxiserprobten Rahmen, der flexibel genug ist, um unterschiedliche Ausgangslagen abzubilden, und gleichzeitig standardisiert genug, um Vergleichbarkeit zu gewährleisten.
Mit professioneller Begleitung und den verfügbaren Förderprogrammen ist der Einstieg auch für Kommunen mit begrenzten Kapazitäten realistisch. Wer den ersten Bericht als Lernprozess versteht und pragmatisch mit vorhandenen Daten startet, legt den Grundstein für eine datenbasierte Nachhaltigkeitssteuerung – und stärkt die eigene Kommune auf dem Weg zur Agenda 2030.
Quellen
- Rat für Nachhaltige Entwicklung – Berichtsrahmen Nachhaltige Kommune, Version 2.0 (Oktober 2024): nachhaltigkeitsrat.de
- SDG-Portal der Bertelsmann Stiftung – SDG-Indikatoren für Kommunen: sdg-portal.de
- Vereinte Nationen – Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs): sdgs.un.org
