CO₂-Bilanz Kita – Soziale Träger, Kitas, Jugendhilfe & Wohlfahrt
Treibhausgasbilanz

CO₂-Bilanz Kita, Wohngruppe und ambulanter Dienst: Scope 1 bis 3

Die CO₂-Bilanz Kita steht bei vielen Trägern am Anfang – und scheitert selten an der Methode, sondern an 30 Zählern, 12 Vermietern und einem Küchenbetrieb ohne Wareneingangsliste. Diese Seite zeigt, wie Träger mit Kitas, Wohngruppen und ambulanten Diensten eine belastbare Treibhausgasbilanz nach GHG Protocol aufbauen, welche Datenquellen und Emissionsfaktoren gelten und welche Werte als Orientierung dienen.

CO₂-Bilanz in Kita und Jugendhilfe: Die typischen Emissionsquellen

Ein sozialer Träger ist in erster Linie ein Gebäude- und Verpflegungsbetreiber mit Fuhrpark. Eine 2025 veröffentlichte Desk Study der Berliner Energieagentur für die Diakonie Deutschland schätzt die Emissionen diakonischer Einrichtungen auf rund 3 Mio. t CO₂e pro Jahr; die Kinder- und Jugendhilfe kommt dort auf etwa 1,4 t CO₂e je Betreuungsplatz und Jahr, die Altenhilfe auf 5,3 t – teils auf Basis von Werten aus anderen Studien. Die AWO nennt in ihrem Maßnahmenplan 0,25 t CO₂ je Kita-Ganztagsplatz als Zielwert für Klimaneutralität und hält dafür Reduktionen von mindestens 50–75 % im Kita-Bereich für nötig. Diese Spannen zeigen: Der Hebel liegt bei Wärme, Strom und Essen.

Emissionsquellen eines Trägers nach Scope (GHG Protocol) – typische Anteile als Erfahrungswerte aus unseren Projekten
ScopeQuelleTypischer Anteil an Scope 1+2+3 (Erfahrungswert)Datenquelle
Scope 1Erdgas-/Ölheizung in eigenen und gemieteten Gebäuden25–45 %Gasrechnungen, Heizkostenabrechnung des Vermieters
Scope 1Fuhrpark ambulanter Dienste, Fahrdienste, Kleinbusse5–20 %Tankkarten, Fahrtenbücher, Leasingabrechnungen
Scope 2Strom (Beleuchtung, Küche, Wäsche, IT, Wärmepumpen)10–25 %Stromrechnungen, Zählerliste je Standort
Scope 2Fernwärme0–15 %Wärmeabrechnung, Emissionsfaktor des Versorgers
Scope 3Verpflegung (Lebensmittel, Caterer)15–35 %Wareneingang, Caterer-Rechnungen, Speisepläne
Scope 3Beschaffung (Windeln, Textilien, Spielmaterial, Papier, IT)5–15 %Kreditorenbuchhaltung, Einkaufsgemeinschaft
Scope 3Pendeln der Beschäftigten, Dienstreisen5–15 %Stichprobenbefragung, Reisekostenabrechnung

In unseren Projekten liegt eine gasbeheizte Kita mit 60–100 Kindern typischerweise bei 15–40 t CO₂e in Scope 1 und 2 pro Jahr, eine stationäre Wohngruppe mit 8–10 Plätzen bei 10–25 t. Ein ambulanter Dienst mit 15 Fahrzeugen produziert allein über Diesel grob 40–70 t. Diese Werte sind Orientierung, keine Norm – Baujahr, Heizsystem und Küchenform (Frischküche, Caterer, Anlieferung) verschieben sie erheblich.

Das eigentliche Problem: Datenerhebung über viele Standorte

Ein Träger mit zwölf Kitas, vier Wohngruppen und einem ambulanten Dienst hat selten eine zentrale Zählerliste. Wärme läuft über Nebenkostenabrechnungen der Vermieter, oft kommunaler Gebäudewirtschaften; Strom teils über Trägerverträge, teils über die Einrichtung; Verpflegung über einen Caterer je Region. Der erste Arbeitsschritt ist deshalb keine Berechnung, sondern eine Inventur.

  1. 01

    Standort- und Zählerinventur

    Je Standort: Eigentum oder Miete, beheizte Fläche, Heizsystem, Zählernummern Strom/Gas/Wärme, Vertragspartner, Abrechnungszeitraum. Eine Tabelle, 30 Minuten pro Einrichtung mit der Leitung.

  2. 02

    Vermieterdaten anfordern

    Bei Mietobjekten die Heizkostenabrechnung nach Heizkostenverordnung anfordern – sie enthält den Verbrauch in kWh. Fehlt sie, über Fläche und spezifischem Kennwert (kWh/m²) schätzen und als Schätzung kennzeichnen.

  3. 03

    Fuhrpark erfassen

    Tankkartenauswertung nach Kraftstoffart in Litern ist die zuverlässigste Quelle. Bei Kilometerpauschalen privater Pkw im ambulanten Dienst: Kilometer mal Durchschnittsfaktor, ausgewiesen als Scope 3.

  4. 04

    Verpflegung schätzen

    Anzahl Mittagessen pro Jahr mal Emissionsfaktor je Menütyp (fleischhaltig, vegetarisch, vegan) aus Datenbanken wie ecoinvent oder den Faktoren des IFEU. Bei Caterern deren Angaben anfordern.

  5. 05

    Konsolidieren und dokumentieren

    Systemgrenze festlegen (operative Kontrolle), Basisjahr wählen, Schätzanteile ausweisen. Der VSME lässt Schätzungen zu, sofern Methode und Annahmen transparent und konsistent dargelegt werden.

Emissionsfaktoren und Rechenregeln für Träger

Für den deutschen Strommix weist das Umweltbundesamt für 2024 rund 360 g CO₂/kWh aus; wer Ökostrom mit Herkunftsnachweis bezieht, kann marktbasiert mit dem Lieferantenfaktor rechnen, muss aber nach GHG Protocol zusätzlich den standortbasierten Wert angeben. Für Erdgas liegen die Faktoren bei rund 0,2 kg CO₂/kWh direkt, mit Vorkette (UBA, GEMIS) etwas höher; für Diesel bei etwa 2,6–2,7 kg CO₂ je Liter. Für Fernwärme gilt der Faktor des Versorgers. Lebensmittel, Textilien und Windeln werden über Ökobilanzdatenbanken wie ecoinvent oder GEMIS bewertet; für die Grobabschätzung reichen Faktoren je Mahlzeit oder je Euro Einkaufsvolumen.

Gemietete Gebäude gehören in Scope 1 und 2

Viele Träger lassen gemietete Kitas weg, weil „der Vermieter heizt“. Nach dem Kontrollansatz des GHG Protocol zählt, wer den Betrieb kontrolliert – das ist der Träger. Die AWO verlangt in ihrem Maßnahmenplan, dass mindestens 90 % der direkten Emissionen auf Trägerebene erfasst werden. Wer gemietete Standorte ausschließt, verfehlt diese Quote fast immer.

Kennzahlen, die Kostenträger und Verbände verstehen

Eine absolute Tonnenzahl sagt in der Entgeltverhandlung nichts. Träger brauchen Intensitäten: t CO₂e je Betreuungsplatz, je Vollzeitäquivalent, je Quadratmeter und – für den VSME-Bericht – je 1.000 € Umsatzerlöse. Zusätzlich lohnt der Energiekennwert in kWh/m² je Standort, weil er die Sanierungsreihenfolge bestimmt und in der Entgeltverhandlung als Begründung für Sachkostensteigerungen dient.

  • t CO₂e je Betreuungsplatz (Orientierung: 0,25 t als AWO-Zielwert je Kita-Ganztagsplatz, rund 1,4 t als Diakonie-Schätzung für die Kinder- und Jugendhilfe)
  • kWh Wärme je m² beheizter Fläche je Standort – Sanierungsranking
  • Liter Kraftstoff je 100 km und je Klientenkontakt im ambulanten Dienst
  • kg CO₂e je Mittagessen – Hebel Speiseplan, Bio-Anteil, Fleischanteil
  • Anteil Ökostrom und Anteil erneuerbarer Wärme am Gesamtverbrauch

Ein Hinweis zur Verbandsmeldung: Viele Landesverbände sammeln Bilanzen ihrer Gliederungen in eigenen Vorlagen und mit festen Faktoren. Wer die eigene Bilanz von Anfang an so strukturiert – je Standort, je Energieträger, in kWh und Litern –, kann sie ohne Nacharbeit in jede Verbandsvorlage, in das DNK-Tool und in die Entgeltverhandlung übertragen. Welche Maßnahmen aus der Bilanz folgen und was sie kosten, steht auf der Maßnahmenseite. Wie die Kennzahlen in den Bericht einfließen, erklärt die Seite zum Nachhaltigkeitsbericht sozialer Träger.

Häufige Fragen

CO₂-Bilanz: Ihre Fragen

Das hängt von Heizsystem, Baujahr und Küche ab. Gasbeheizte Kitas mit 60–100 Kindern liegen in unseren Projekten bei 15–40 t CO₂e in Scope 1 und 2; mit Verpflegung und Beschaffung kommen oft weitere 10–30 t hinzu. Eine Desk Study für die Diakonie schätzt für die Kinder- und Jugendhilfe rund 1,4 t je Betreuungsplatz, die AWO nennt 0,25 t je Kita-Ganztagsplatz als Zielwert.

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