Warum Nachhaltigkeit im Krematorium ein eigenes Fach ist
Deutschland zählt nach Angaben des Bundesverbands Deutscher Bestatter rund 164 Krematorien, in denen 2024 schätzungsweise 780.000 Einäscherungen durchgeführt wurden. Die Feuerbestattungsquote liegt bundesweit bei rund 78 % (BDB-Schätzung; die RAL Gütegemeinschaft Feuerbestattungsanlagen nennt für 2024 81 %), in den östlichen Ländern außer Berlin nach Angaben der RAL Gütegemeinschaft bei 90 bis 96 %. Die Betreiberlandschaft ist zweigeteilt: Bis Ende der 1990er Jahre waren alle Krematorien kommunal, heute wird nach Angaben des Bundesverbands Bestattungsbedarf etwas mehr als die Hälfte privat betrieben, häufig in der Rechtsform GmbH & Co. KG. Die kommunalen Anlagen sind meist als Eigenbetrieb oder Betrieb gewerblicher Art organisiert. Beide Gruppen stehen vor denselben technischen Fragen, aber vor unterschiedlichen Berichts- und Steuerregeln.
Anders als bei einem Handwerksbetrieb oder einer Druckerei konzentriert sich der ökologische Fußabdruck eines Krematoriums auf einen einzigen Prozess. Nach § 3 der 27. BImSchV müssen nach der letzten Verbrennungsluftzuführung mindestens 850 °C (Zehnminutenmittel) erreicht sein, sonst sperrt die Anlage das Einfahren des Sarges; für die Brenner zugelassen sind Gas aus der öffentlichen Versorgung, Flüssiggas, Wasserstoff und Heizöl EL. Daraus folgt ein Energiebedarf, der in der Praxis zwischen rund 200 und 600 kWh je Kremation schwankt – die Berliner Krematorien weisen nach einer Senatsantwort an das Abgeordnetenhaus für 2019 bis 2023 458 bis 596 kWh je Einäscherung aus (Gas und Strom), ein kleines Krematorium in Thüringen kommt rechnerisch auf unter 200 kWh. Die Differenz erklärt sich aus Auslastung, Aufheizphasen, Ofenbaujahr und Wärmerückgewinnung. Genau an dieser Stelle setzt eine branchenkundige Nachhaltigkeitsberatung an.
Regulatorik: 27. BImSchV, Energieeffizienzgesetz, Bestattungsrecht
Die 27. BImSchV legt Emissionsgrenzwerte fest, die kontinuierlich oder periodisch nachzuweisen sind: 50 mg/m³ Kohlenmonoxid als Stundenmittel, 10 mg/m³ Gesamtstaub, 20 mg/m³ organische Stoffe als Gesamtkohlenstoff und 0,1 ng/m³ Dioxine und Furane, jeweils bezogen auf 11 % Sauerstoff im Abgas (bei elektrisch betriebenen Anlagen 15 %). Sauerstoff, CO, Temperatur und Rauchgasdichte werden fortlaufend registriert, Staub, Gesamtkohlenstoff und Dioxine misst eine bekanntgegebene Stelle alle drei Jahre. Einen Grenzwert für Quecksilber enthält die Verordnung nicht; die VDI 3891 beschreibt die Hg-Minderung jedoch als Stand der Technik, und in der Praxis ist sie weit verbreitet: Nach einem OSPAR-Bericht von 2014, den das Umweltbundesamt (Texte 26/2020) auswertet, verfügten 144 von 159 erfassten Anlagen über eine Quecksilberminderung.
Hinzu kommen Pflichten, die viele Betreiber nicht auf dem Schirm haben. Das Energieeffizienzgesetz verpflichtet Unternehmen ab 2,5 GWh Jahresenergieverbrauch, Abwärmedaten an die Plattform für Abwärme zu melden, ab 7,5 GWh ist ein Energie- oder Umweltmanagementsystem einzurichten. Kommunale Gesellschaften gelten wegen der öffentlichen Beteiligung in der Regel nicht als KMU und unterliegen damit der Energieaudit-Pflicht nach EDL-G. Eine Novelle von EnEfG und EDL-G (Kabinettsbeschluss Juni 2026) soll die Schwellen anheben – Energieaudit künftig ab 2,77 GWh unabhängig vom KMU-Status, Managementsystem ab 23,6 GWh –, war im November 2026 aber noch nicht in Kraft. Das Brennstoffemissionshandelsgesetz verteuert jede Kilowattstunde Erdgas über den CO₂-Preis, 2026 im Korridor von 55 bis 65 Euro je Tonne. Und die 16 Bestattungsgesetze der Länder entwickeln sich auseinander: Rheinland-Pfalz hat im Herbst 2025 Friedhofszwang und Urnenverbleib gelockert, Schleswig-Holstein erprobt die Reerdigung in einer Pilotphase, in Sachsen und Sachsen-Anhalt stehen Lockerungen der Sargpflicht an. Jede dieser Änderungen verschiebt Nachfrage und Materialströme.
Metallrückstände: Pietät, Ethik und das BFH-Urteil IX R 29/24
Nach jeder Einäscherung verbleiben Metalle: Zahngold, Prothesen aus Titan und Kobalt-Chrom, Sargbeschläge, Schmuck. Der Bundesfinanzhof hat mit Urteil vom 14. Juli 2026 (IX R 29/24, veröffentlicht im September 2026) entschieden, dass Erlöse aus der Verwertung dieser Kremationsrückstände Betriebseinnahmen des Krematoriums sind – auch dann, wenn der Betreiber sie auf einem gesonderten Konto führt und für karitative Zwecke wie Hospize oder die Bestattung Mittelloser verwendet. Geklagt hatte eine Stadt, deren Krematorium als Betrieb gewerblicher Art der Körperschaftsteuer unterliegt; ob die spätere Zuwendung als Spende abziehbar ist, muss das Finanzgericht erneut prüfen. Für kommunale Betriebe gewerblicher Art und – übertragen – für private Gesellschaften bedeutet das: Die Verwertungspraxis gehört dokumentiert, steuerlich geprüft und gegenüber Angehörigen transparent kommuniziert. In der Praxis treten die Totenfürsorgeberechtigten ihren Anspruch auf die Metalle meist schriftlich an das Krematorium ab; diese Zustimmung sollte lückenlos dokumentiert sein. Nachhaltigkeitsberatung in dieser Branche heißt deshalb auch, Governance-Themen wie dieses in den Bericht aufzunehmen, statt sie zu umgehen.
Unser Vorgehen: Krematorium-Check in vier Schritten
- 01
Bestandsaufnahme am Standort
Ofenlinien, Baujahr, Brennstoff, Filterstufen, Wärmerückgewinnung, Betriebszeiten, Kremationen je Jahr. Wir lesen Gaszähler, Messberichte nach 27. BImSchV und Energieaudits, sofern vorhanden.
- 02
Kennzahlen je Kremation
Energie, CO₂-Äquivalente, Quecksilberfracht, Metallrückstände und Wasser werden auf die Einheit umgerechnet, die Kommunen und Bestatter verstehen: eine Einäscherung. Spannen aus vergleichbaren Anlagen dienen als Einordnung.
- 03
Wesentlichkeit und Maßnahmen
Aus Umwelt-, Sozial- und Governance-Themen entsteht eine priorisierte Liste mit Wirtschaftlichkeit: von der Schichtplanung über Abwärmelieferung bis zur Biomethan-Beschaffung. Fördermöglichkeiten werden direkt zugeordnet.
- 04
Bericht und Nachweis
Bericht über die DNK-Plattform oder eigenständiger VSME-Bericht, thematisch gestützt auf den Branchenleitfaden Humankrematorien, ergänzt um ein Kurzprofil für Ausschreibungen und Anfragen. Auf Wunsch Veröffentlichung über die Informations- und Berichtsplattform nachhaltige-krematorien.de.
Plattform nachhaltige-krematorien.de
wetando betreibt die Informations- und Berichtsplattform nachhaltige-krematorien.de. Sie ist kein Zertifikat und kein Siegel, sondern macht die DNK-Berichte teilnehmender Krematorien öffentlich vergleichbar. Mitglieder berichten nach dem Deutschen Nachhaltigkeitskodex.
Für Bestattungsunternehmen ohne eigenes Krematorium gilt ein verkleinerter Ansatz: Fuhrpark, Sarg- und Urnensortiment, Blumen und Textilien, Energie der Trauerhallen sowie die Auswahl des Krematoriums als wichtigster Scope-3-Posten. Viele Bestatter nutzen den Nachhaltigkeitsbericht ihres Krematoriums inzwischen als Beleg gegenüber Angehörigen – für Krematorien mit sauberen Zahlen ein Argument im Wettbewerb um Einäscherungen. Das kostenlose Erstgespräch klärt, welcher Umfang für Ihren Betrieb sinnvoll ist; die Beratung ist für kleine und mittlere Unternehmen über das BAFA-Programm „Förderung von Unternehmensberatungen für KMU“ je nach Standort mit 50 oder 80 % des Beraterhonorars förderfähig (höchstens 2.800 Euro je Beratung, Richtlinie befristet bis 31. Dezember 2026).
