Systemgrenzen: Was in die CO₂-Bilanz eines Krematoriums gehört
Grundlage ist das Greenhouse Gas Protocol mit den drei Scopes. Für ein Krematorium empfehlen wir als funktionale Einheit die einzelne Einäscherung, ergänzt um die Jahresbilanz des Standorts. Beide Größen werden gebraucht: Die Jahresbilanz für Klimaschutzkonzept und Bericht, der Wert je Kremation für Bestatter, Kirchen und Angehörige. Entscheidend ist eine saubere Definition, was zur Einäscherung zählt. In unseren Projekten umfasst sie den Ofenbetrieb inklusive Aufheizen und Nachbrennzone, die Abgasreinigung, den Sarg, die Urne und den Betrieb der Nebenanlagen; der Transport des Verstorbenen bleibt beim Bestatter, wird aber in Scope 3 ausgewiesen, wenn das Krematorium ihn organisiert.
Emissionsquellen der CO₂-Bilanz: Scope 1 bis 3 im Krematorium
Scope 1: Erdgas, Flüssiggas, Fuhrpark
Die 27. BImSchV erlaubt Gas aus der öffentlichen Versorgung, Flüssiggas, Wasserstoff und Heizöl EL als Brennstoffe; in der Praxis dominiert Erdgas. Der Verbrauch je Kremation schwankt stark. Die beiden Berliner Krematorien weisen nach einer Antwort des Senats an das Abgeordnetenhaus für 2019 bis 2023 zwischen 458 und 596 kWh je Einäscherung aus (Gas und Strom zusammen). Ein Krematorium mit rund 1.200 Einäscherungen in Thüringen nannte 2022 einen Jahresverbrauch von 225.000 kWh, rechnerisch unter 200 kWh je Kremation. Als Emissionsfaktor für Erdgas setzen wir nach Umweltbundesamt rund 0,20 kg CO₂ je kWh (Verbrennung) an, bei Vorkette nach GEMIS oder ecoinvent etwa 0,24 kg CO₂e je kWh.
| Anlagentyp | Energiebedarf je Kremation | CO₂ aus Erdgas (0,20 kg/kWh) | Typische Treiber |
|---|---|---|---|
| Ältere Etagenofenlinie, Einschichtbetrieb, hohe Aufheizverluste | 450–600 kWh | 90–120 kg | tägliches Anfahren, geringe Auslastung |
| Moderne Linie mit Wärmerückgewinnung, Mehrschichtbetrieb | 250–400 kWh | 50–80 kg | Durchlaufbetrieb, Luftvorwärmung |
| Optimierte Linie, Ausnahmegenehmigung 750 °C, hohe Auslastung | 180–280 kWh | 35–55 kg | Temperaturabsenkung, Prozessregelung |
| Elektroofen mit Ökostrom | 250–400 kWh elektrisch | unter 5 kg (Scope 2 marktbasiert) | Strommix, Lastmanagement |
Der Bundesverband Deutscher Bestatter nennt als Durchschnitt mehr als 60 kg CO₂ je Einäscherung. Hinzu kommen die Körper selbst und der Sarg: Die Verbrennung von rund 30 bis 40 kg Holz und etwa 70 bis 90 kg Körpermasse setzt biogenes CO₂ frei, das nach GHG Protocol getrennt ausgewiesen wird und nicht in die fossile Bilanz eingeht. Scope 1 enthält außerdem den Fuhrpark des Krematoriums, soweit Urnen oder Verstorbene mit eigenen Fahrzeugen bewegt werden, sowie Kältemittelverluste der Kühlzellen.
Scope 2: Strom für Gebläse, Filter, Kühlung
Ein Gasofen braucht Strom für Verbrennungsluft- und Saugzuggebläse, Filteranlage, Rauchgaskühlung, Kühlzellen für Verstorbene und die Trauerhalle. In unseren Projekten liegt der Strombedarf gasbetriebener Anlagen typischerweise bei 20 bis 50 kWh je Kremation, also deutlich unter dem Gasanteil. Mit dem Bundesstrommix (Umweltbundesamt, rund 0,36 kg CO₂ je kWh für 2024) ergeben sich 7 bis 18 kg CO₂ je Kremation standortbasiert. Wer Ökostrom mit Herkunftsnachweis bezieht, weist marktbasiert nahe null aus – beide Werte gehören nach GHG Protocol in den Bericht. Eine eigene Photovoltaikanlage, wie sie für die beiden Berliner Krematorien ab 2025 vorgesehen ist (rund 70 und 45 kWp), verschiebt die Bilanz zusätzlich.
Scope 3: Sarg, Urne, Filterstoffe, Entsorgung, Anfahrt
Scope 3 ist im Krematorium kleiner als in produzierenden Betrieben, aber nicht zu vernachlässigen. Die wichtigsten Posten sind der Sarg (Herstellung des Holzes, Lackierung, Beschläge, Transport), die Urne (Keramik, Metall, biologisch abbaubare Werkstoffe mit sehr unterschiedlichen Faktoren), die Adsorbentien der Abgasreinigung (Aktivkoks, Kalkhydrat), die Entsorgung beladener Filterstäube als gefährlicher Abfall, die Vorkette des Erdgases und die Anfahrt von Mitarbeitenden und Trauergästen. Ein Krematorium in Oberbayern beziffert die Emissionen aus Lieferanten und Kunden nach eigenen Angaben auf etwa 122 Tonnen im Jahr bei rund 8.000 Einäscherungen, also etwa 15 kg je Kremation. In unseren Projekten liegt Scope 3 bei 10 bis 25 % der Gesamtbilanz, mit steigendem Anteil, je stärker Scope 1 durch Biomethan oder Elektrifizierung sinkt.
- Sarg aus heimischem Weichholz, unlackiert: in Ökobilanzen meist 20–40 kg CO₂e; Hartholz mit Lack und Metallbeschlägen deutlich mehr.
- Urne: Keramik und Metall liegen über biologisch abbaubaren Urnen aus Zellulose, Maisstärke oder Sand; die Spanne reicht von unter 1 bis über 10 kg CO₂e.
- Aktivkoks und Kalkhydrat: je Kremation wenige hundert Gramm, aber energieintensive Herstellung und Entsorgung als gefährlicher Abfall.
- Erdgas-Vorkette: Förderung, Transport und Methanschlupf erhöhen den Faktor von 0,20 auf rund 0,24 kg CO₂e je kWh (GEMIS, ecoinvent).
- Anfahrt der Trauergäste: bei eigenen Feierhallen oft der größte Scope-3-Posten, abhängig von Lage und ÖPNV-Anbindung.
Quecksilber, Dioxine und Staub: Keine Treibhausgase, aber Berichtspflicht
Eine Umweltbilanz des Krematoriums beschränkt sich nicht auf CO₂. Quecksilber aus Amalgamfüllungen ist der branchenspezifische Schadstoff: Das Umweltbundesamt (Texte 26/2020) schätzt die Gesamtfracht aller deutschen Krematorien auf rund 25 kg im Jahr, nach 39 kg im Jahr 2014; Trockensorptions- und Festbettverfahren mit Aktivkoks erreichten in den Messungen Abscheidegrade über 85 %. Da die 27. BImSchV keinen Hg-Grenzwert enthält, schlägt die Studie beispielhaft einen Mindestabscheidegrad von 90 % vor. Im Bericht gehören deshalb Filtertyp, Wechselintervalle der Adsorbentien und – wo vorhanden – Hg-Messwerte neben die Grenzwerte für Staub (10 mg/m³), CO (50 mg/m³), Gesamtkohlenstoff (20 mg/m³) und Dioxine (0,1 ng/m³).
Datenquellen und Vorgehen in der Praxis
- 01
Zählerdaten sichern
Gaszähler je Ofenlinie, Stromzähler für Filter und Gebäude, Kremationszahlen je Monat aus dem Kremationsregister. Monatswerte zeigen Aufheizverluste in Schwachlastzeiten.
- 02
Emissionsfaktoren festlegen
Umweltbundesamt für Erdgas und Strommix, GEMIS oder ecoinvent für Vorketten und Materialien, Herstellerangaben für Särge und Urnen. Faktoren mit Jahr dokumentieren.
- 03
Scope 3 abgrenzen
Mit dem Bestatter klären, wer Transport und Sarg bilanziert, damit keine Doppelzählung entsteht. Für Urnen eine Stückliste nach Materialgruppen aufstellen.
- 04
Kennzahl je Kremation bilden
Fossile und biogene Emissionen getrennt ausweisen, standort- und marktbasierten Scope 2 nebeneinanderstellen, Spannen aus Vergleichsanlagen zur Einordnung ergänzen.
Die Bilanz liefert zugleich die Basis für die Maßnahmenplanung: Welche Hebel welche Tonnen bringen, zeigt die Seite zu Energieeffizienz und Maßnahmen. Für Bestattungsunternehmen ohne eigenes Krematorium ist die Einäscherung der größte eingekaufte Emissionsposten; sie sollten den Wert ihres Krematoriums anfragen und übernehmen, statt mit Pauschalwerten zu arbeiten.
CO₂-Bilanz für Ihr Krematorium
Wir erstellen die Treibhausgasbilanz nach GHG Protocol mit der Kennzahl je Kremation, dokumentierten Emissionsfaktoren und einem Benchmark gegen vergleichbare Anlagen.
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