Die 15 Scope-3-Kategorien nach GHG Protocol – Relevanz je Branche
Das Greenhouse Gas Protocol teilt Scope 3 in 15 Kategorien: acht vorgelagerte (upstream, Kategorien 1–8) und sieben nachgelagerte (downstream, Kategorien 9–15). Die Grundlagen zu Systemgrenzen, Scope 1 und Scope 2 erklärt unser Artikel zur CO₂-Bilanzierung Scope 1, 2, 3. Hier geht es um die Frage, welche Kategorien in Ihrer Branche typischerweise ins Gewicht fallen. Die folgende Einschätzung beruht auf unseren Projekten und ersetzt kein Screening Ihres Unternehmens.
| Kategorie | Industrie/Zulieferer | Druck/Verpackung | Wohnungswirtschaft | Soziale Träger | Wein/Lebensmittel | Krematorien |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1 Eingekaufte Waren und Dienstleistungen | ● | ● (Papier, Karton, Farben) | ◐ (Instandhaltung, Dienstleister) | ● (Verpflegung, Sachbedarf) | ● (Trauben, Flaschen, Rohstoffe) | ◐ (Särge, Urnen) |
| 2 Kapitalgüter | ◐ | ◐ (Druckmaschinen) | ● (Neubau, Sanierung) | ◐ (Neubau Kita/Pflege) | ◐ | ◐ (Ofenlinie) |
| 3 Brennstoff- und energiebezogene Emissionen | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ● (Erdgasvorkette) |
| 4 Vorgelagerter Transport | ◐ | ◐ | ○ | ○ | ◐ | ○ |
| 5 Abfall im Betrieb | ○ | ◐ (Makulatur) | ○ | ○ | ◐ (Trester) | ◐ (Filterstäube) |
| 6 Geschäftsreisen | ○ | ○ | ○ | ○ | ○ | ○ |
| 7 Pendeln der Beschäftigten | ◐ | ◐ | ○ | ● (Schichtdienst, Fläche) | ◐ | ○ |
| 8 Vorgelagerte geleaste Anlagen | ○ | ○ | ○ | ◐ (angemietete Einrichtungen) | ○ | – |
| 9 Nachgelagerter Transport | ◐ | ◐ | – | – | ● (Versand, Handel) | ◐ (Überführungen) |
| 10 Verarbeitung verkaufter Produkte | ● (Halbzeuge, Komponenten) | ○ | – | – | ◐ | – |
| 11 Nutzung verkaufter Produkte | ● (Maschinen mit Energiebedarf) | – | – | – | ○ (Kühlung) | – |
| 12 Entsorgung verkaufter Produkte | ◐ | ◐ | – | – | ◐ (Glas, Verpackung) | – |
| 13 Nachgelagerte vermietete Anlagen | ○ | – | ● (Mieterverbrauch Wärme/Strom) | – | – | – |
| 14 Franchise | – | – | – | – | – | – |
| 15 Investitionen | ○ | ○ | ◐ (Beteiligungen) | ○ | ○ | – |
Branchenspezifische Faktoren und Benchmarks finden Sie in unseren Branchenseiten: CO₂-Bilanz Druckerei, CO₂-Bilanz Maschinenbau, CO₂-Bilanz Wohnungsunternehmen, CO₂-Bilanz Kita, CO₂-Bilanz Weingut und CO₂-Bilanz Krematorium. Besonders in der Wohnungswirtschaft entscheidet die Zuordnung der Mieterverbräuche (Kategorie 13) über die Größenordnung der gesamten Bilanz.
Methoden, um Scope-3-Emissionen zu berechnen
Jede Scope-3-Berechnung folgt derselben Grundformel: Aktivitätsdaten × Emissionsfaktor = Emissionen in CO₂-Äquivalenten. Die Methoden unterscheiden sich darin, welche Aktivitätsdaten Sie verwenden und wie spezifisch der Faktor ist. Das GHG Protocol empfiehlt, mit groben Methoden zu beginnen und die großen Positionen schrittweise zu verfeinern.
| Methode | Aktivitätsdaten | Emissionsfaktor | Genauigkeit | Aufwand | Geeignet für |
|---|---|---|---|---|---|
| Ausgabenbasiert (spend-based) | Einkaufsvolumen in € aus der Kreditorenbuchhaltung | kg CO₂e je € (EEIO-Modelle, z. B. EXIOBASE) | gering, Unsicherheit oft ±50 % und mehr | niedrig | Erst-Screening, viele kleine Warengruppen, Dienstleistungen |
| Mengenbasiert (average-data) | Tonnen, Stück, kWh, km, tkm | Durchschnittsfaktor je Einheit (UBA, ProBas, ecoinvent, DEFRA) | mittel | mittel | Hauptmaterialien, Transporte, Abfall, Pendeln |
| Lieferantenspezifisch (supplier-specific) | bezogene Mengen je Lieferant | Produkt-CO₂-Fußabdruck (PCF) oder allokierte Lieferantenbilanz | hoch, sofern geprüft | hoch | die 5–10 größten Lieferanten und Materialien |
| Hybrid | Kombination: Lieferantendaten wo vorhanden, sonst Mengen oder Ausgaben | gemischt, je Position dokumentiert | mittel bis hoch | mittel | Regelfall für den Mittelstand ab dem zweiten Bilanzjahr |
Rechenbeispiel: Druckerei mit 60 Beschäftigten
Das Beispiel zeigt, wie stark die Methode das Ergebnis beeinflusst. Alle Emissionsfaktoren sind gerundete Beispielwerte zur Veranschaulichung, keine Normwerte – für Ihre Bilanz müssen Sie aktuelle Faktoren aus einer dokumentierten Quelle verwenden. Die Druckerei kauft jährlich 1.500 t Papier für 1,8 Mio. €.
| Methode | Rechnung | Ergebnis |
|---|---|---|
| Ausgabenbasiert | 1.800.000 € × 0,55 kg CO₂e/€ | 990 t CO₂e |
| Mengenbasiert | 1.500 t × 0,80 t CO₂e/t (Durchschnitt grafisches Papier) | 1.200 t CO₂e |
| Hybrid | 900 t vom Hauptlieferanten × 0,62 t CO₂e/t (PCF) + 600 t × 0,80 t CO₂e/t | 558 t + 480 t = 1.038 t CO₂e |
| Kategorie | Aktivitätsdaten × Faktor | Ergebnis |
|---|---|---|
| 1 Druckfarben, Chemikalien (ausgabenbasiert) | 250.000 € × 0,60 kg CO₂e/€ | 150,0 t CO₂e |
| 4 Anlieferung Papier (Lkw) | 1.500 t × 350 km = 525.000 tkm × 0,09 kg CO₂e/tkm | 47,3 t CO₂e |
| 5 Makulatur zum Recycling | 180 t × 0,021 t CO₂e/t | 3,8 t CO₂e |
| 6 Geschäftsreisen Pkw | 60.000 km × 0,17 kg CO₂e/km | 10,2 t CO₂e |
| 7 Pendeln (70 % Pkw) | 60 MA × 210 Tage × 2 × 14 km × 70 % = 246.960 km × 0,17 kg CO₂e/km | 42,0 t CO₂e |
| Summe (mit Hybridwert Papier) | 1.038 + 150,0 + 47,3 + 3,8 + 10,2 + 42,0 | ≈ 1.291 t CO₂e |
Zwei Erkenntnisse sind typisch: Erstens dominiert eine einzige Position, das Papier, mit rund 80 % – dort lohnt sich jeder Euro Datenqualität. Zweitens liegen ausgabenbasierter und mengenbasierter Wert über 200 t auseinander. Wer das erste Jahr ausgabenbasiert rechnet und im zweiten Jahr auf Mengen umstellt, muss das Basisjahr neu berechnen, sonst entsteht eine scheinbare Reduktion oder Steigerung.
Datenquellen und Emissionsfaktoren für Scope 3
| Quelle | Art | Zugang | Stärken | Grenzen |
|---|---|---|---|---|
| Umweltbundesamt (UBA) | Faktoren für Energie, Strommix, Verkehrsmittel (TREMOD) | kostenlos | Deutschlandbezug, behördlich, jährlich aktualisiert | keine vollständige Materialliste |
| ProBas (UBA) | Prozessdatenbank mit Lebenszyklusdaten | kostenlos | Materialien, Energie, Transporte, Deutschlandbezug | teils ältere Datensätze, Bedienung aufwendig |
| GEMIS (IINAS) | Lebenszyklusmodell für Energie, Stoffe, Transporte | kostenlos | Vorketten von Brennstoffen und Strom, transparente Annahmen | Pflege und Aktualität je Datensatz prüfen |
| ecoinvent | Ökobilanz-Datenbank, international führend | kostenpflichtige Lizenz | sehr breite Material- und Prozessabdeckung, regionale Varianten | Lizenzkosten, Fachwissen nötig |
| EXIOBASE | Umwelterweitertes Input-Output-Modell (EEIO) | kostenlos (Open Data) | Faktoren je € für Warengruppen und Länder, ideal für ausgabenbasierte Methode | grob, Preis- und Inflationsbereinigung nötig |
| DEFRA / UK Government GHG Conversion Factors | jährliche Faktorenliste | kostenlos | Reisen, Hotel, Abfall, Fracht, gut dokumentiert | britischer Bezug, für Strom nicht übertragbar |
| Lieferanten-PCF | Produktfußabdruck des Lieferanten | auf Anfrage | höchste Spezifität | Methodik und Prüfung unterschiedlich, Plausibilisierung nötig |
Für den Einstieg reicht oft eine Kombination aus UBA, DEFRA und EXIOBASE. Für Hauptmaterialien empfiehlt sich ecoinvent oder ProBas, für Energievorketten GEMIS. Entscheidend ist die Dokumentation: Notieren Sie je Position Quelle, Version, Bezugsjahr und Einheit. Bei ausgabenbasierten Faktoren müssen Sie außerdem Preisbasis und Inflation berücksichtigen und Ausgaben ohne Umsatzsteuer ansetzen.
Wesentlichkeitsschwelle: Welche Scope-3-Kategorien Sie berechnen müssen
Das GHG Protocol verlangt, alle relevanten Kategorien zu erfassen und jeden Ausschluss zu begründen. Relevanz bemisst sich nach Größe, Einfluss auf Reduktionen, Risiko, Stakeholdererwartungen, ausgelagerten Tätigkeiten und Branchenleitfäden. Eine feste Prozentschwelle gibt der Standard nicht vor. In der Praxis hat sich bewährt: Kategorien, die im Screening über 1–5 % der geschätzten Scope-3-Summe liegen, werden einzeln berechnet; alle ausgeschlossenen Positionen zusammen sollten 5 % nicht überschreiten. Die laufende Überarbeitung des GHG Protocol diskutiert eine Mindestabdeckung des Inventars von 95 %; das ist bislang ein Arbeitsstand, kein geltender Standard.
Faustregel für das erste Jahr
Rechnen Sie alle 15 Kategorien grob ausgabenbasiert durch, sortieren Sie nach Größe und verfeinern Sie die Positionen, die zusammen etwa 80 % ausmachen. Kategorien wie Franchise oder Investitionen können Sie mit einem Satz Begründung ausschließen, wenn sie nicht zutreffen.
Scope-3-Emissionen berechnen in sieben Schritten
- 01
Organisatorische Grenzen festlegen
Welche Gesellschaften und Standorte gehören dazu, operative oder finanzielle Kontrolle? Dieselbe Abgrenzung wie bei Scope 1 und 2 verwenden.
- 02
Screening aller 15 Kategorien
Mit Kreditorenliste und Grobschätzungen jede Kategorie einordnen: zutreffend, relevant, ausgeschlossen mit Begründung.
- 03
Daten je relevanter Kategorie beschaffen
ERP und Materialwirtschaft (Mengen), Buchhaltung (Ausgaben), Speditionsdaten (tkm), Reisekosten, Mitarbeiterbefragung (Pendeln), Entsorgernachweise.
- 04
Methode und Emissionsfaktoren wählen
Für große Positionen mengen- oder lieferantenspezifisch, für den Rest ausgabenbasiert. Quelle und Version je Faktor dokumentieren.
- 05
Berechnen und plausibilisieren
Ergebnisse gegen Branchenwerte und Vorjahr prüfen, Ausreißer klären, Doppelzählungen mit Scope 1 und 2 ausschließen.
- 06
Datenqualität bewerten und verbessern
Je Kategorie die Datenqualität einstufen und für die größten Positionen Lieferantendaten anfragen – das ist der Verbesserungsplan fürs Folgejahr.
- 07
Dokumentieren und berichten
Methodenbericht mit Annahmen, Ausschlüssen und Basisjahr anlegen. Ergebnisse nach Kategorien ausweisen, ohne Kompensationen abzuziehen.
Für ein mittelständisches Unternehmen mit überschaubarer Lieferkette dauert eine erste Scope-1–3-Bilanz nach unserer Erfahrung acht bis zwölf Wochen, der größte Teil davon ist Datenbeschaffung. Wenn Sie die Berechnung begleiten lassen möchten: Unsere CO₂-Bilanzierung für Scope 1–3 beginnt bei ca. 10.000 €.
Typische Fehler bei der Scope-3-Berechnung
| Fehler | Folge | Gegenmaßnahme |
|---|---|---|
| Energievorkette doppelt: Scope 2 enthält bereits Vorkettenemissionen und Kategorie 3 noch einmal | Doppelzählung | Scope 2 nur mit Verbrennungsfaktoren, Vorkette ausschließlich in Kategorie 3 |
| Transporte falsch zugeordnet | Verschiebung zwischen Kategorie 4 und 9 | Nach Incoterms bzw. danach zuordnen, wer den Transport bezahlt |
| Investitionsgüter in Kategorie 1 statt 2 | verzerrte Jahreswerte | Anlagenzugänge aus der Anlagenbuchhaltung getrennt erfassen, im Anschaffungsjahr voll ansetzen |
| Ausgaben brutto und ohne Inflationsbereinigung | überhöhte Werte | Nettowerte, Faktor auf Preisbasisjahr umrechnen |
| Methodenwechsel ohne Basisjahr-Neuberechnung | Scheinreduktionen | Basisjahr bei wesentlichen Methodenänderungen neu rechnen |
| Kompensationszertifikate abgezogen | unzulässige Nettodarstellung | Bruttoemissionen berichten, Zertifikate getrennt ausweisen |
| Pendeln nur grob geschätzt, Homeoffice ignoriert | unvollständige Kategorie 7 | Kurze Mitarbeiterbefragung, Homeoffice optional ergänzen |
| Nutzungsphase energieverbrauchender Produkte vergessen | Hauptquelle fehlt (Maschinenbau) | Kategorie 11 mit Lebensdauer × Jahresverbrauch × Strommix ansetzen |
Scope 3 in VSME, ESRS E1 und SBTi
Im VSME-Standard sind im Basismodul (B3) nur Scope 1 und Scope 2 verpflichtend; Scope 3 ist freiwillig und vor allem dann sinnvoll, wenn dort der Großteil Ihrer Emissionen liegt. Das Zusatzmodul (C3) sieht Reduktionsziele vor, die Scope 3 einschließen können. Wichtig für Zulieferer: Ihre Scope-1- und Scope-2-Werte sind die Scope-3-Kategorie-1-Daten Ihrer Kunden. Wer sie sauber nach VSME ausweist, beantwortet einen Großteil der Kundenanfragen. Nach der Omnibus-Reform dürfen Unternehmen unter 1.000 Beschäftigten Datenanfragen, die über den VSME-basierten freiwilligen Standard hinausgehen, ablehnen.
ESRS E1 verlangt von berichtspflichtigen Unternehmen in der Angabe E1-6 die Brutto-Treibhausgasemissionen nach Scope 1, 2 und 3 sowie die Gesamtemissionen, Scope 3 aufgeschlüsselt nach signifikanten Kategorien. Berichtspflichtig sind nach der Omnibus-Richtlinie (EU) 2026/470 nur noch Unternehmen mit mehr als 1.000 Beschäftigten und über 450 Mio. € Umsatz. Für Klimaziele nach der Science Based Targets initiative (SBTi) gilt: Machen Scope-3-Emissionen mindestens 40 % der Gesamtemissionen aus, ist ein Scope-3-Ziel nötig, das kurzfristig mindestens 67 % und langfristig mindestens 90 % der Scope-3-Emissionen abdeckt. Für KMU bietet die SBTi einen vereinfachten Weg ohne Scope-3-Zielpflicht. Da der Corporate Net-Zero Standard überarbeitet wird, prüfen Sie vor einer Zieleinreichung die gültige Fassung.
Scope 3 berechnen lassen – oder selbst rechnen mit Begleitung
Wir führen das Screening der 15 Kategorien durch, wählen mit Ihnen Methoden und Faktoren und übergeben eine dokumentierte Vorlage, mit der Sie das Folgejahr selbst aktualisieren. Das Erstgespräch ist kostenlos.
Scope-3-Erstgespräch vereinbaren